Ab in die Kiste

Mobil, robust, stapelbar. Schiffscontainer spielen in der internationalen Architektur längst eine Rolle. Die Palette reicht von überraschenden Konzepten bis hin zu schicken und praktikablen Lösungen – mit Ecken und Kanten.

Leben beziehungsweise übernachten im Container ist vielfach noch negativ behaftet und wird oft mit Notunterkünften nach Katastrophen oder mit schäbigen Bauarbeiterwohnungen assoziiert. Doch aus dem Baustoff Schiffscontainer kann weit mehr entstehen als eine provisorische Schlafstelle, wie zahlreiche internationale Projekte zeigen. Die Liste der tatsächlich realisierten Bauten reicht von kleinen Einheiten wie Besprechungszimmern, Teepavillons und Poolhäusern über Einfamilienhäuser bis hin zu Krankenhäusern, Kunstmuseen, Imbiss-Restaurants, Studentenheimen aber auch Hotels. Eines der weltweit ersten Frachtcontainer Hotels entstand mit dem Sleeping Around in Antwerpen.

Schiffscontainer wurden in bestens ausgestattete Hotelzimmer umgewandelt mit Klimaanlage und moderner, in weiß gehaltener Einrichtung samt Badezimmer mit Regenwalddusche. Die Betreiber folgen dem internationalen Pop-up-Trend, in dem die Zimmerboxen innerhalb der Stadt den Standort beliebig wechseln können. Damit kann der Hotelgast die schönsten Plätze der belgischen Hafenstadt intensiver erleben. Auf der Webseite sleepingaround.eu kann man verfolgen, wo die Container im Moment gerade stehen und der Gast darf Standort-Wünsche abgeben. Günstig ist die Übernachtung in der Stahlkiste nicht: 200 Euro kostet die kultige Übernachtung.

Room to Go

Hoch hinaus will das OVA Studio in Hongkong mit ihrem Hotelprojekt Hive-Inn: Je nach Bedarf wollen sie Schiffscontainer in ihrer ursprünglichen Außenfarbe wild übereinander stapeln. Das Ergebnis ist ein schillender bunter Hotelkomplex mitten in der Großstadt. Ein flexibles Konzept, denn die Container können mit dem auf dem Gerüst befestigten Kran je nach Bedarf hinzugefügt und wieder entfernt werden. Mit seinen gegeneinander versetzten Geschossen erinnert das Gebäude an einen Jenga-Turm. Bei diesem Geschicklichkeitsspiel werden aus einem stabilen Holzquader so lange einzelne Bausteine aus der Mitte herausgezogen und auf die Spitze gesetzt, bis der Turm einstürzt. Dass dies nicht passiert, dafür sorgt ein festes Grundgerüst. Die Anordnung der Container ist hingegen völlig flexibel und kann deshalb Anzahl und Bedürfnissen der Gäste angepasst werden. Zudem lassen sich die Container so einbauen, dass Nischen und Zwischenräume entstehen, die auch Platz für Pflanzen bieten.

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Um Design und Inneneinrichtung der einzelnen „Schachteln“ kümmern sich Unternehmen, die damit gleichzeitig Werbung für ihre Produkte machen. „Grundlage unserer Idee war maximale Flexibilität und Mobilität“, erklären die Architekten Slimane Ouahes und Christophe Barthelemy. Deshalb sehen sie den Zweck ihres Gebildes nicht nur in einem Hotel.

Die Container taugen laut Konzeptstudie auch als Büros, Praxen, Krankenstationen oder als Wohnungen für Menschen, die viel unterwegs sind. Anstatt der Möbel wird dann einfach gleich das ganze Zuhause oder vielmehr der Container auf Reisen geschickt. Ob das Hotel dereinst tatsächlich gebaut wird, wird sich erst noch zeigen. Im Augenblick besteht die Idee der Verbindung von Recycling , Wohnen und Marketing erst noch auf dem Papier. Hinsichtlich Gestaltung sind unterschiedliche Zimmertypen und Markendesigns angedacht – etwa eine Ferrari-Suite, wie OVA ihr Projekt beschreibt. Den Architekten Slimane Ouahes und Christophe Barthelemy zufolge soll das Hive-Inn auch über Grünflächen verfügen und die über und unter den Containern geplanten Kassetten liefern Strom und frisches Wasser. Zudem enthalten sie eine Klimaanlage und ein Abwassersystem.

Die Idee, Hotels in Modulbauweise zu errichten, ist nicht neu – im Gegenteil. Aufgrund der immer stärkeren Nachfrage nach Low-Budget bzw. Economy Hotels sind in jüngster Zeit Fertigteil-Konzepte international eine gefragte Alternative. Mit der Vorfertigung der Bauteile ist die Bauphase kurz, die Planungssicherheit groß und ein rascher Return on Investment für die Betreiber realisierbar. Während Fertigteil-Spezialisten wie etwa ELK, die bereits 23 Hotels bzw. Motels jeweils in kürzester Zeit auf die grüne Wiese stellten, ist die Hotel-Bauweise mit Schiffscontainern eine noch junge Disziplin. Wirtschaftlich betrachtet ein praktikabler Ansatz, wie die Erfahrungen von bereits realisierten Studentenwohnheimen zeigen.

[caption id="attachment_4302" align="alignleft" width="300"](c) LOT-EK (c) LOT-EK[/caption]

Boxen für Studenten

Der holländische Containerwohnpark „Keetwonen“ mit Studenten-Appartments ist so ein Vorzeigebeispiel. Medienberichten zufolge ist er zur zweitbeliebtesten Unterkunftsstätte für Studenten in Holland geworden. Mit Mietkosten von knapp über 200 Euro monatlich pro „Seecontainer“ passt das Preis-Leistungs-Verhältnis mit den Bedürfnissen von jungen Leuten und Studenten perfekt überein: günstiger Wohnraum, der zwar klein, aber dennoch komfortabel ist. Die Container sind bestens ausgestattet. Küche, Bad, Balkon und getrenntes Arbeits- und Schlafzimmer bieten ausreichend Wohnraum. Geheizt wird mit einer zentralen Erdgas-Kesselanlage und das Warmwasser kommt von einem 50 Liter Tank pro Trakt und natürlich gibt es auch einen Highspeed-Internetanschluss. Keetwonen wurde im Jahr 2006 vom Unternehmen Tempo Housing entwickelt und das Konzept fand Gefallen. Mittlerweile stehen weltweit mehrere Studentenwohnheime aus Frachtcontainern – beispielsweise im französischen LeHavre, wo das Architekturbüro Cattani 100 topausgestattete Studios aus alten Containern zauberte und auch in Amsterdam stapelten die Architekten von JMW Frachtkisten für Studenten.

Für Furore in der Szene sorgte unlängst auch Mill Junction, ein sehr spezielles Studentenwohnheim in Johannesburg. Der südafrikanische Gebäudeentwickler Citiq verwandelte alte Getreidesilos in eine Unterkunft für 400 Studenten und stellte auf die Silos vier Etagen aus Schiffscontainern.

Genormt und berechenbar

Der große Vorteil von Containern: sie sind mobil, stapelbar, robust und günstig in der Anschaffung. So kostet ein 20-Fuß-Container rund 2.500 Euro, ein Gebrauchter rund die Hälfte. Damit steht eine genormte Hülle zu einem vergleichsweise günstigen Preis zur Verfügung. Die beiden Grundmodule, nach internationalem Maß als 20- und 40-Fuß-Container bezeichnet, messen in der Länge sechs und zwölf Meter bei einer einheitlichen Breite von 2,4 Metern und einer Höhe von 2,6 Metern. Auf dieses Format sind weltweit Hebeeinrichtungen, Lastwagen, Bahnen und Schiffe eingestellt. Konstruiert werden die Behälter aus genormten Stahlprofilen. Die Wände sind tragend, wodurch Frachtcontainer enorm stabil sind. Ein 20-Fuß-Container wiegt 2,4 Tonnen und kann das Zehnfache seines eigenen Gewichts aufnehmen. Beim 40-Fuß-Container sind es mit 30 Tonnen Zuladung proportional viel weniger. Die oft in Europa verwendeten Baucontainer sind weniger stabil und belastbar, weil meist aus Holz, allerdings sind auch sie genormt und somit mobil.

Kreative Umsetzung

[caption id="attachment_4303" align="alignright" width="300"](c) Cattani-Architects (c) Cattani-Architects[/caption]

Damit wird die „Frachtkiste“ zu einem modularen, modernen System, mit dem man so ziemlich alles bauen kann, was die Kreativität zulässt. Beim Ausbau sind je nach Verwendung noch eine gute Isolierung sowie Glaselemente und Material für Installationen mit einzukalkulieren. Das kann mitunter richtig ins Geld gehen, meist ist der Innenausbau jedoch in Relation zur herkömmlichen Bauweise nicht teurer. Richtig umgesetzt, entstehen so architektonisch moderne und anspruchsvolle Lösungen mit großem Potenzial. Ein echter Hingucker ist etwa der Verkaufs- und Veranstaltungsraum der Firma Puma, den die New Yorker Architekten des Büros Lot-ek aus 24 Frachtcontainern errichteten. Die Behälter sind auf drei Ebenen so gestapelt, dass spektakuläre Innen- und Außenräume entstehen.Im Rahmen einer internationalen Marketingkampagne ging die rund 1.000 Quadratmeter große Promotionfläche auf Weltreise – auch per Schiff und zerlegt in seine Container-Einzelteile.

Industrieller Look

Großartige Wirkung erzielt auch das Büro der Schweizer Architekten group8 in einer ehemaligen Industriehalle in Genf. Als Raum-in-Raum-Konzept wurden in das weitläufige Loft Container als abgeschlossene Raumeinheiten integriert. Die Container wurden dazu an den Stirnseiten aufgeschnitten und die Wände durch Glas ersetzt. So haben die Mitarbeiter einen Überblick über das Geschehen im restlichen Großraumbüro. Auch Besprechungszimmer, Tee-Küche und WC-Einheiten sind in unterschiedlichen Frachtkisten in der Halle untergebracht. Internationale Beachtung fand unter anderem die Platoon-Kunsthalle in Seoul. Der Bau besteht aus 28 Frachtcontainern, die gestapelt und zusammengeschweißt wurden. In dem Gebäude mit einem markanten industriell-alternativen Look samt Bar und Bibliothek finden regelmäßig Ausstellungen, Workshops und Präsentationen von Street Art und Mode statt.

[caption id="attachment_4300" align="aligncenter" width="264"](c) sleepingaround (c) sleepingaround[/caption]

Nomadentum im Trend

Während bei der älteren Generation noch konservativ und standortgebunden gebaut wird, gilt bei jungen Leuten ein mobiles Heim zunehmend als trendy. Ein Arbeitsplatzwechsel in eine andere Region? Kein Problem, mein Haus kann ich mitnehmen. Schlicht ein Modell, das sich den Lebensumständen der Menschen anpasst. Dementsprechend gestalten immer mehr Anbieter auch private Behausungen aus Frachtcontainern modern, ansprechend und energieeffizient. Der Größe sowie der kreativen Gestaltung des Inneren sind kaum Grenzen gesetzt: Egal ob Laminat, Parkett oder Teppich – praktisch jeder Bodenbelag ist für die Containerbauweise geeignet und das gilt auch für Wandverschalungen und Tapeten. Eckige oder runde Fenster? Eine Wand als Fensterfront oder eine kleine Terrasse? Der Container-Bauherr hat eine riesige Gestaltungsfreiheit.

Der einfache Transport ermöglicht zudem auch in schwer erreichbaren Gebieten kostengünstiges Bauen. Die einzelnen Stahl-Boxen lassen sich sogar per Helikopter transportieren und an Berghängen oder im Hochgebirge platzieren und zusammenfügen. Einzig die erforderliche Baugenehmigung ist laut Expertenaussagen in vielen Gebieten Europas noch ein Spießrutenlauf, der mitunter länger dauert als die Errichtung der Behausung selbst.