Stadt wie Start

Ausgewogener Nutzungsmix. Wie zukunftsfit sind unsere Städte? Was sind die Erfolgsfaktoren für gelungene Stadtteilentwicklungen?

War es lange Zeit Mode, Häuser in Luxus-Eigentumswohnungen umzubauen, entwickelt sich der Trend heute in Richtung „Siedlungsgenossenschaften, in denen die Bewohner selbst mitbestimmen, wie sie wohnen“, prognostiziert der Zukunftsforscher Matthias Horx. Wie zukunftsfit sind also Städte wie Wien, Graz, Salzburg oder St. Pölten und was sind die Erfolgsfaktoren von Stadtteilentwicklungen?

Darüber wurde unter anderem beim 64. Österreichischen Städtetag in Graz unter dem Motto „Smart Urban Living: Meine Stadt – Mein LebensRAUM“ diskutiert. Problematisch seien vor allem das zunehmende Verkehrsaufkommen und die steigenden Wohnkosten in urbanen Gebieten und wachsenden Stadtregionen, so der Tenor der Diskutanten. Andere Städte würden dagegen mit Abwanderung und Schrumpfung kämpfen. Egal welche Vorzeichen – die Stadt steht ihren Bürgerinnen und Bürgern gegenüber in der Verantwortung, ihnen trotz vielfältiger Herausforderungen das bestmögliche Umfeld zu bieten.

Für die gastgebende Stadt Graz präsentierte der Smart City-Beauftragte Uwe Hoffer das Konzept eines „smarten“ neuen Stadtquartiers (Smart City Graz West), von dem erwartet wird, dass es diesen umfangreichen Ansprüchen gerecht wird. Ein ambitionierter Versuch zu zeigen, was man aus der Vergangenheit gelernt hat. Mit eben dieser Vergangenheit haben wieder drei andere steirische Städte (Bruck an der Mur, Hartberg und Bad Radkersburg) zu kämpfen, die sich in einem gemeinsamen Prozess der Aufgabe gestellt haben, auf Basis der neuesten Methoden Masterpläne zur Belebung ihrer historischen Innenstädte zu entwickeln. Auf der Grundlage der Erfahrungen aus diesem Projekt wurde schließlich ein Weißbuch für die Innenstadtentwicklung erstellt und ebenfalls vorgestellt.

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Innsbrucks Vizebürgermeisterin Sonja Pitscheider, kommt aus einer „smarten“ Stadt: „Innsbruck muss schon aufgrund seiner Lage und seines begrenzten Raumes intelligente und nachhaltige Maßnahmen treffen, die nicht immer erfreuen, aber der Allgemeinheit zu Gute kommen – so wie zuletzt die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung.“

Von „smarten“ Städten wird erwartet, einen effektiveren Ressourceneinsatz durch High End Technologie, IKT und intelligente Lösungen umzusetzen. Doch neben allen technischen Aspekten darf die soziale Komponente keinesfalls vernachlässigt werden: Es geht im Wettlauf um eine lebendige Zukunft unserer Städte darum, dass diese für ihre Bewohnerinnen und Bewohner leistbar und lebenswert bleiben. Außerdem ist es eine zentrale Aufgabe, attraktive Rahmenbedingungen für die städtische Wirtschaft zu schaffen – den sprichwörtlichen Motor der Stadt.

[caption id="attachment_4158" align="alignleft" width="200"]Siegfried Nagl (c) Stadt Graz Siegfried Nagl
(c) Stadt Graz[/caption]

„Die Smart City Graz West soll kein solitäres Vorzeigeprojekt werden, sondern von ihrer Konzeption her maßgebend für weitere Stadtentwicklungsprojekte werden. Nachhaltiges Bauen bedeutet für die Bewohner langfristig niedrige Betriebskosten, für die Stadt bedeutet es durch verdichteten Wohnbau genügend Grün- und Freiflächen freihalten zu können“, unterstreicht auch Bürgermeister Siegfried Nagl den nachhaltigen Wert von solch ambitionierten Prozessen. Er deutet damit auch an, dass es bei der Planung eines urbanen Lebensumfeldes vordergründig um immer dieselben elementaren Inhalte geht – ob man es nun Smart City Initiative oder Innenstadtbelebung nennt.

Leistbares und qualitatives Wohnen, gute Erreichbarkeit und hohe persönliche Mobilität, ein attraktiver und belebter öffentlicher Raum, Bürgerbeteiligung, Vernetzung und Stadt-Umland-Verflechtungen sind zentrale Prämissen von Stadtentwicklungsplanungen. Demgegenüber stehen Fragen rund um die „richtige“ Dichte in diesen Räumen, um ein urbanes Lebensgefühl zu erzielen und eine ausreichende Frequenz zu erzeugen, um wiederum den Wirtschaftstreibenden einen Anreiz zu geben, sich niederzulassen.

Stadtteilentwicklung Seestadt Aspern

Aufgabenstellungen, denen sich auch Wien stellen muss. Aktuell richten sich alle Augen auf die Stadtteilentwicklung Seestadt Aspern – insgesamt sind hier 240 Hektar geplant, eine Fläche, so groß wie der siebte und achte Wiener Gemeindebezirk zusammen. Was muss noch passieren, damit die Seestadt Aspern keine „Schlafstadt“ wird? Gerhard Schuster, Vorstandsvorsitzender der Wien 3420 Aspern Development AG, die für die Entwicklung und Vermarktung zuständig ist: „In der Seestadt ist eine Nutzungsvielfalt angelegt: Es sollen in etwa dieselbe Anzahl an Menschen hier arbeiten, wie auch wohnen. Zudem wird die Nahversorgung in den Erdgeschoss-Zonen eine Stadt der kurzen Wege ermöglichen.“ Mit seiner Aussage „Eine U-Bahnstation herzustellen, ist zu wenig“ hat Schuster kurz nach seinem Einstand als Vorstandsvorsitzender der Wien 3420 Aspern Development AG aufhorchen lassen und sich als ehemaliger BUWOG-Geschäftsführer nicht nur Freunde gemacht. Nicht wenige Kritiker befürchten eine Ghettoisierung des neuen Stadtteils.

Aktuell sind rund neun von zehn Wohnungen geförderte Genossenschaftswohnungen. Das hält zwar die Mieten niedrig und lässt sich politisch auch bestens verkaufen – was die Stadtväter auch freut, aber private Immobilienentwickler eher abschreckt. Wichtig für eine erfolgreiche Stadtentwicklung ist ein ausgewogener Mix. „Die Durchmischung macht es aus. Die Voraussetzungen sind gegeben. Die U-Bahn vor der Haustüre, mit dem See ein Erholungsgebiet – was noch fehlt, sind Sporteinrichtungen, vielleicht ein Schwimmbad und kulturelle Einrichtungen, etwa eine Kleinkunstbühne oder ein Kino.“

Ein wichtiger Punkt aus seiner Sicht ist auch die Gastronomie. Stimme das Umfeld, das Gesamtpaket, dann würden sich auch Unternehmen ansiedeln, „ohne dass die Öffentliche Hand tief in die

[caption id="attachment_4161" align="alignright" width="200"]Gerhard Schuster (c) Wien 3420 Gerhard Schuster
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Fördertasche greifen muss“. Die ersten Seestädter ziehen ab September 2014 ein, bis September 2015 werden rund 6.000 Menschen in der Seestadt wohnen, davon mehr als 3.000 auch hier arbeiten. Der jetzige Bauabschnitt umfasst neben dem geförderten Mietwohnbau auch Baugruppen, freifinanzierte Miet- und Eigentumswohnungen und Studentenwohnungen bzw. -heime. „In der nächsten Bauphase wird es in der Seestadt mehr freifinanzierte Wohnungen geben“, blickt Schuster optimistisch in die Zukunft.

Eines ist für Schuster klar: Die Seestadt Aspern steht mit anderen Stadtentwicklungsgebieten in Konkurrenz, die „vielleicht sechs, acht U-Bahn-Stationen näher an der Innenstadt liegen.“

Dem kann auch Bernd Rießland, Vorstand der auch in der Stadtteilentwicklung Aspern engagierten Sozialbau AG, einiges abgewinnen, schließlich sei die Anbindung an ein überregionales attraktives Stadtzentrum von entscheidender Bedeutung: „Im Falle der Seestadt gibt es sogar zwei: Wien – und Bratislava, das in Zukunft auch bestens öffentlich erreichbar sein wird.“ Die Seestadt Aspern sei die richtige Antwort auf die positive Bevölkerungsentwicklung im Raum Wien – dichte Bebauungen errichtet in großzügigem Freiraum.

Never ending Story

„In einem Jahr sollte der erste Kran in Reininghaus stehen“, sagt Albrecht Erlacher, Reininghaus-Koordinator aus dem Büro des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl. Vom Gesamtareal Graz-Reininghaus (55 Hektar), der wichtigsten Stadtteilentwicklung der steirischen Landeshauptstadt, hat zwischenzeitig die Stadt Graz 15 Hektar für Spielplätze, Parkanlagen, Verkehrsflächen etc. übernommen, zudem hat Graz 18.000 Quadratmeter zur Schaffung eines Schulstandortes erworben. Insgesamt hat der bisherige Eigentümer des Areals, die Asset One, bereits etwa zwei Drittel der Baugründe an neun Investoren verkauft. Anfang Juli wurde im Gemeinderat der erste Bebauungsplan für das Quartier 4 („Linse“) beschlossen. Für drei Quartiere ist der städtebauliche Wettbewerb abgeschlossen und für drei weitere Quartiere (Park-Quartiere) läuft ein Realisierungswettbewerb mit elf geladenen Architekturbüros – die Jury wird im September 2014 entscheiden. Aus Sicht Erlachers verfügt Graz-Reininghaus über alle nötigen Erfolgsfaktoren und bietet „eine anregende Nutzungs-Vielfalt (Stadt der kurzen Wege), attraktive Außen- und Freiräume sowie ein nachhaltiges Energie- und Verkehrssystem.“ Josef Rogl vom Grazer Stadtplanungsamt (Abteilung Stadtentwicklung und Flächenwidmung) ergänzt: „Industriebrachen werden, soweit sich keine entsprechende Nachnutzung für Betriebe findet, vermehrt in Wohnbauland überführt, sofern die äußeren Einflüsse (Emissionen des Autoverkehrs und angrenzender Betriebe) und die Lage im Stadtgebiet dies erlauben.“

Kultur, Wissenschaft und Bildung

[caption id="attachment_4160" align="alignleft" width="300"]Heinz Schaden Heinz Schaden[/caption]

Aus Sicht des Salzburger Bürgermeisters Heinz Schaden müssen für eine erfolgreiche Stadtteilentwicklung insbesondere die Themen Kultur, Wissenschaft und Bildung durch die Implementierung entsprechender Einrichtungen Berücksichtigung finden. „In der Stadt Salzburg können als erfolgreiche Stadtentwicklungsprojekte vor allem der Stadtteil Lehen (Stadtgalerie, Fotohof, Bibliothek – Neue Mitte Lehen, PMU, Competence Park, Stadtwerkeareal, Sanierung der Wohngebäude in der Strubergassensiedlung), der Unipark Nonntal und der Stadtteil Itzling (Science City) genannt werden“, so Bürgermeister Schaden.

Erst vor kurzem wurde im Bereich der Rosa-Kerschbaumer-Straße und Schillerstraße durch eine Änderung des Flächenwidmungsplanes der Weg frei für einen weiteren Meilenstein für zukunftsorientierte Forschung in Salzburg. Mit dem Beschluss zur Umwidmung von knapp 4.500 Quadratmeter Fläche in Bauland-Betriebsgebiet bzw. Bauland-Kerngebiet steht das Signal für den Bau des neuen Laborgebäudes der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg auf Grün. ?Dort zu leben, wo man arbeitet, sei leider oftmals nur ein Wunschtraum. „Kolonnen von Pendlern zeugen davon – auch innerstädtisch –, die allumfassende Zersiedelung hierzulande ebenso“, kritisiert der Soziologe Michael Sammer, denn: „Ein Maßstab für Lebensqualität ist die Fußläufigkeit – das kann nur eine polyzentrale Stadt, eine Stadt mit vielen multifunktionalen und sozial gemischten Zentren.“

In dasselbe Horn stößt Karl Pany, Baudirektor Wels: „Die baukulturelle Verantwortung liegt bei den Städten. In Wels sind Freiraumentwicklung in der Innenstadt, kurze Wege und Familienfreundlichkeit wichtige Kriterien für städtebauliche Entwicklungen.“

Gut ausgebildete Menschen in der Stadt halten

„Wir betreiben in St. Pölten eine vorausschauende Grundstückspolitik und kaufen pro Jahr mindestens so viele Grundstücke, wie wir verkaufen“, sagt Matthias Stadler, Bürgermeister von St. Pölten. „Durch die Absiedelung von Betrieben zwischen dem Bahnhof und dem Landesklinikum ist eine urbane Verdichtung des Wohnbaus möglich. Ein tolles Entwicklungsgebiet ist das Betriebsgebiet der ehemaligen Glanzstoff-Fabrik, auf dem bis zu 1.500 Wohnungen errichtet werden sollen. Im Süden hat die Stadt ebenfalls gute Entwicklungsgründe, wie etwa in der Landsberger Straße, aber auch zwischen Spratzern, einem der größten Betriebsansiedelungsgebiete Österreichs mit 110 Hektar, und St. Georgen“, so Bürgermeister Stadler. Durch die Fachhochschule und die New Design University könne St. Pölten nunmehr verstärkt junge, gut ausgebildete Menschen in der Stadt halten.

Ob Matthias Horx mit seiner Trendprognose „Communal Living“ oder „Cooperative Housing“ – also eben auch „selbstbestimmende Siedlungsgenossenschaften“ – recht behält? Wesentlicher Erfolgsfaktor einer geglückten Stadtteilentwicklung ist jedenfalls ein ausbalancierter Nutzungsmix unter weitestgehender Einbindung der Bewohner.