ImmoVision 2021 Gerald Kerbl

Wir fragen, Experten antworten - die Serie zum Jahresbeginn

„Immobilien werden in Zukunft tokenisiert werden. Derzeit befinden sich die Anwendungsmöglichkeiten für die Blockchain in diesem Sektor jedoch noch eher in den Kinderschuhen; rein technisch ist dies machbar; die Gesetzgebung hinkt hier meins Erachtens weit hinterher und hat die Entwicklung noch nicht entsprechend aufgenommen.“

von 6 Minuten Lesezeit

Gerald Kerbl

Die COVID-19-Pandemie hat die Karten auf dem Immobilienmarkt neu gemischt – oder doch nicht? Wie optimistisch, wie pessimistisch gehen Sie in das neue Jahr?   

Ich gehe davon aus, dass der Immobilienmarkt 2021 trotz anhaltender COVID-19-Pandemie nach wie vor relativ stabil bleiben wird. Experten sagen einen spürbaren Anstieg bei den angebotenen Immobilien voraus, während die Nachfrage wahrscheinlich nur wenig abnehmen wird. Nachgefragt werden aber vor allem Baugrundstücke sowie Einfamilien- und Wochenendhäuser. Die städtische Bevölkerung zieht es zunehmend aufs Land. Dies wird sicherlich auch verstärkt durch den durch die Pandemie bedingten Trend zu vermehrtem Home-Office. Nicht außer Acht lassen darf man aber auch die durch die COVID-19-Krise bedingten Einbußen der Kaufkraft eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung.   

Betrachtet man den Büromarkt, ist laut Experten damit zu rechnen, dass dieser auch in 2021 noch relativ stabil bleiben wird, während Gewerbeimmobilien in 2021 wohl deutlich weniger nachgefragt werden als noch in den letzten Jahren. Durch die pandemiebedingten Umsatzeinbußen vor allem im Handel könnte dies aus meiner Sicht auch einen Rückgang der Nachfrage nach Retailflächen in diesem Sektor bedeuten. Ähnliches gilt wohl auch für kleinere Hotels, die ebenfalls von der Pandemie schwer getroffen werden. Letztendlich wissen wir derzeit einfach noch nicht, wie lange wir in diesem modifizierten Zustand noch leben werden. Eines ist jedoch sicher: die Wirtschaft hat es hart getroffen, was auch die Wirtschaftsprognosen weltweit bzw. innerhalb der EU zeigen.    

Bleiben Wohnimmobilien der Megatrend?   

Meines Erachtens ist damit zu rechnen, dass der positive Trend in diesem Segment durchaus noch in den nächsten Jahren anhalten wird. Der Bedarf an leistbarem Wohnraum steigt ungebrochen. Als Konsequenz werden natürlich (infolge steigender Grund- und Baupreise) die Nutzflächen kleiner, was wiederum intelligente und nachhaltige Raumnutzungskonzepte fördert. Wohnimmobilien mit Freiflächen haben (jetzt umso mehr) einen starken Zulauf.    

Die Immobilienbranche steht in der Pflicht, Stichwort ESG-Faktoren und Taxonomie-VO. Ist die heimische Immobilienwirtschaft ausreichend darauf vorbereitet? Kommt die Nachhaltigkeitswende bei Immobilien?   

Die Wende kommt. Soviel ist sicher. Die Europäische Kommission hatte schon in den letzten Jahren vermehrt Konzepte in den unterschiedlichsten Bereichen vorgestellt, um dem Klimawandel auf möglichst vielen Ebenen adäquat zu begegnen. Grundsätzlich ist die Trendwende hin zu mehr Nachhaltigkeit und Transparenz meines Erachtens auch sehr zu begrüßen. Bereits seit dem Jahr 2004 gibt es als eines der ersten Zertifikate dieser Art in Europa das österreichische Umweltzeichen für ökologisch und sozial nachhaltige Finanzprodukte (UZ 49). Am internationalen Markt gibt es außerdem seit rund sechs Jahren eine Standardisierung durch die Green Bond Principles der ICMA (International Capital Market Association), an denen sich auch die Wiener Börse bei der Zulassung von Green und Social Bonds orientiert. Insofern ist meines Erachtens eine Trendwende hin zu mehr Nachhaltigkeit schon seit einigen Jahren auch in der österreichischen Immobilienbranche durchaus erkennbar und auch sehr zu begrüßen.   

Mit der neuen EU-Taxonomie-VO sollen nun die Vorgaben des Paris Agreements in der EU einheitlich umgesetzt werden. Erklärtes Ziel ist es, Investoren hin zu nachhaltigen und umweltverträglichen Investitionen und Finanzprodukten, dem sogenannten „Green Financing“, zu lenken.    

Immobilien Tokens - werden Blockchain-Netzwerke die Immobilienwirtschaft verändern?   

Langfristig denke ich, dass es sicherlich zu einer Änderung in der Immobilienwirtschaft kommen wird; Immobilien werden in Zukunft tokenisiert werden. Derzeit befinden sich die Anwendungsmöglichkeiten für die Blockchain in diesem Sektor jedoch noch eher in den Kinderschuhen; rein technisch ist dies machbar; die Gesetzgebung hinkt hier meins Erachtens weit hinterher und hat die Entwicklung noch nicht entsprechend aufgenommen. Denken Sie an die vielen gesetzlichen Regulatorien in Österreich, die beim Erwerb von Immobilien zu beachten sind. Wird eine Immobilie erworben, ist für die Eintragung des Eigentumsübergangs im Grundbuch jedenfalls ein Rechtsanwalt oder Notar beizuziehen. Das macht die ausschließliche Verwendung einer vollautomatisierten Blockchain (bzw. eines handelbaren Immobilien-Tokens) derzeit de facto noch so gut wie unmöglich. Wie wir mit unserer letzten STO Veranstaltung gezeigt haben, ist auch in Österreich vieles in Bewegung. Auch wenn wir nicht der „hot spot“ der europaweiten Community sind, haben wir doch viele helle Köpfe in Österreich, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Alle von ihnen haben auch den Wunsch nach mehr Transparenz und Sicherheit (z.B. beim Handel mit STOs) verbunden mit einer nachhaltigen Betrachtung der gesamten Branchenentwicklung.    

Wo die Blockchain-Technologie jetzt schon aus meiner Sicht einsetzbar wäre und zumindest zum Teil wohl auch bereits zum Einsatz kommt, ist bei der Suche nach einer geeigneten Immobilie. Setzt man beim Suchvorgang eine Blockchain ein, kann der Suchprozess potentiell verkürzt werden. Voraussetzung wäre hier aber natürlich, dass auch wirklich alle Daten zentral über die Blockchain abgerufen werden können. Die zeitraubende Suche nach der Wunschimmobilie über verschiedenste Immobilienplattformen würde sich damit erübrigen – ein Thema, das auch Meta-Abfragen von Immobilienseiten nicht so schnell lösen können.    

Worauf wird sich Ihr Unternehmen 2021 fokussieren?   

Wir bleiben auch 2021 unserem USP qualitativ hochwertiger Steuerberatung unter anderem rund um die Immobilie treu. Dafür sind wir seit vielen Jahrzehnten am Markt bekannt und werden dies auch bleiben. In Kürze wird auch ein neues, digitales Produkt gelauncht, von welchem unsere Kunden begeistert sein werden. Wir sind regelmäßig im regen Austausch mit vielen Marktteilnehmern und versuchen zukünftige Entwicklungen zu antizipieren und laufend in unser Beratungsangebot zu integrieren. Ich befasse mich jetzt 20 Jahre mit der Branche und kann mit Sicherheit sagen: Ich möchte niemals etwas anderes machen.         Ein weiterer Fokus liegt 2021 natürlich auf dem Abschluss einiger Digitalisierungsprojekte, die wir im letzten Jahr zum Nutzen unserer Kunden begonnen haben. Nachdem wir schon seit vielen Jahren das digitale Büro leben und hierbei alle Abläufe digitalisiert wurden, können wir künftig auch den Nutzen und die Erfahrung der letzten Jahre geballt in einigen Produkten unseren Kunden weitergeben.             

Zuletzt werden wir künftig den Fokus auf das Konzernsteuerrecht weiter betonen. Wir beraten Konzerne natürlich schon immer, haben hierzu jedoch in der Fachliteratur noch (im Vergleich zu Immobilien) verhältnismäßig wenig publiziert. Die verstärkte Publikation zu Themen des Konzernsteuerrechts ist mir sowie auch vielen Kollegen ein absolutes Anliegen.   

Ich bin sicher, die nächsten Jahre werden extrem spannend.

Weitere Informationen finden Sie unter www-tpa-group.at