Positionen & Meinungen Bankökonomen: Keine Gefahr durch Gewerbeimmobilienkrise

Bank-Austria-Chefökonom Bruckbauer: Kein Grund für "extremen Pessimismus in Österreich" - Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer: EZB-Zinssenkung im Juni zu früh, weil "Inflationsproblem noch nicht gelöst"

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Bankökonomen: Keine Gefahr durch Gewerbeimmobilienkrise

Der Preisverfall bei Gewerbeimmobilien hat nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirts Jörg Krämer und von Bank-Austria-Chefökonomen Stefan Bruckbauer keine großen Auswirkungen auf den Finanzsektor. Die Lage sei "sehr unterschiedlich", Preise für Büros würden "natürlich fallen", Logistikimmobilien stabil bleiben, sagte Krämer am Dienstag vor Journalisten in Wien. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) hatte kürzlich auf mögliche Immobilienrisiken hingewiesen.

Gewerbeimmobilien zählen derzeit "zu den größten Risiken für den Bankensektor", sagte EBA-Chef José Manuel Campa erst vor wenigen Wochen zum "Handelsblatt". Vor allem in den USA sei die Lage gravierend. Campa sieht für Banken, die auf Gewerbeimmobilien spezialisiert seien "größere Herausforderungen", systemische Gefahren für das gesamte Bankensystem befürchtet er aber nicht.

Laut aktuellen Daten der EBA ist das Volumen ausfallgefährdeter Kredite in der Gewerbeimmobilienbranche bei den sechs großen heimischen Bankengruppen im Dezember 2023 auf 3,2 Mrd. Euro angestiegen, von 2,3 Mrd. Euro im September 2023. Eine Milliarde hätten die österreichischen Institute bereits abgeschrieben, sagte der Bank-Austria-Chefökonom beim "Ökonomischen Ausblicks" des Bankenverbands. Die übrigen 2,2 Mrd. Euro, die gefährdet seien, würden nur 0,37 Prozent der Forderungen der heimischen Banken betragen. "Das sind nicht einmal 4 Prozent des Eigenkapitals." Dass man als Aufsicht genau hinsehe, sei "wichtig", so Bruckbauer. "Aber man muss hier auch die Kirche im Dorf lassen".

Bei der Inflationserwartung für die Eurozone und möglichen Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) gehen die Erwartungen der beiden Chefökonomen etwas auseinander. Der Unicredit Bank-Austria-Chefökonom rechnet beim Einlagezins ab Juni mit sieben Zinsschritte der EZB auf 2,25 Prozent bis Ende 2025 und der Commerzbank-Chefvolkswirt erwartet vier Zinssenkungen ab Juni bis zum 1. Quartal 2025 auf 3 Prozent. "Juni halte ich für verfrüht aufgrund des nicht gelösten Inflationsproblems", sagte Krämer. Bruckbauer geht von einem "nachhaltigen Rückgang" der Teuerung aus. Ihm bereitet aber der deutliche Inflationsabstand Österreichs zu Deutschland und der Eurozone Sorgen. Vor allem die hohen Lohnsteigerungen in Österreich seien "eine Herausforderung" für die Industrie, so der heimische Ökonom. Bisher habe man mit Produktivitätsgewinnen gegensteuern können.

Beim Wirtschaftswachstum in Deutschland erwartet die Commerzbank für heuer ein Minus von 0,3 Prozent und im kommenden Jahr ein Plus von 0,5 Prozent. Es sei nur "eine blutleere Erholung", so Krämer. Für Österreichs Wirtschaft rechnet die Bank Austria in diesem Jahr mit einem realen Plus von 0,3 Prozent und von 1,5 Prozent im kommenden Jahr. "Es gib keinen Grund für extremen Pessimismus in Österreich", betonte Bruckbauer. Österreich liege beim kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf pro Arbeitsstunde weltweit auf Rang 9, ohne Ölstaaten sogar auf Platz 6. Es werde manchmal übersehen, dass Österreich zu einem der effizientesten und reichsten Länder der Welt zähle, so der Volkswirt. (red/apa)

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