Wohnen Bauwirtschaft fordert Politik zum Handeln auf

"Massive Auftragseinbrüche und alarmierende Situation am Wohnungsmarkt" - Führende Vertreter der heimischen Bauwirtschaft und Baustoffindustrie präsentieren gemeinsamen politischen Forderungskatalog

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Bauwirtschaft fordert Politik zum Handeln auf

Österreichs Bauwirtschaft ist mit einer Krise durch einen beispiellosen Rückgang im Bereich des großvolumigen und privaten Wohnbaus konfrontiert. 2019 wurde noch der Neubau von 69.900 Wohneinheiten bewilligt. Diese Zahl sank seither kontinuierlich auf zuletzt nur mehr 33.900 Baubewilligungen im Jahr 2023. Für 2024 wird ein weiterer Rückgang erwartet. Gründe dafür sind die inflationsgetriebene Preis- und Zinsentwicklung, ein darauf nicht vorbereitetes Wohnbauförderungssystem, zu strenge Kreditvergabe-Richtlinien für private Bauherren und Wohnungssuchende sowie bürokratische Hemmnisse bei Grundstückswidmungen und Bauverfahren. Führende Vertreter der heimischen Bauwirtschaft fordern von der Politik in Bund und Ländern ein sofortiges Gegensteuern. Ein gemeinsamer Forderungskatalog zur Förderung des Wohnbaus in Österreich wurde entwickelt. Entbürokratisierung, Zweckwidmung bei der Wohnbauförderung, Investitionsförderungen und Erleichterungen bei der Kreditvergabe müssen rasch umgesetzt werden. Sonst drohen aus Sicht der Branchenexperten ein massiver Wohnungsmangel, steigende Mieten für die Bevölkerung sowie Mitarbeiterabbau und Standortschließungen in der Bauwirtschaft. 

Obwohl die wachsende österreichische Bevölkerung immer mehr Wohnraum benötigt, werden in Österreich seit 2019 jedes Jahr weniger Wohnungen gebaut. Wurde 2019 noch der Bau von 69.900 Wohneinheiten im Neubau bewilligt, sank diese Zahl seither kontinuierlich auf zuletzt nur mehr 33.900 Bewilligungen im Jahr 2023. (2020: 63.600, 2021: 60.100, 2022: 47.000, Quelle: Statistik Austria). Die Prognose für 2024 und die kommenden Jahre ist weiter negativ. Zuletzt wurden von Branchenexperten für 2024 nur 32.600 Bewilligungen für Wohnungs-Neubau erwartet. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen ist allerdings davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil davon nicht in die Umsetzung gelangt. 

Es drohen Wohnungsnot, rasch steigende Mieten, Unternehmens- und Standortschließungen sowie Arbeitsplatzverluste in der Bauwirtschaft 

Die negative Entwicklung wird für die österreichische Bevölkerung – aufgrund des zu geringen Angebots – zu noch stärker steigenden Mieten führen. Langfristig droht in Verbindung mit dem Bevölkerungswachstum in Österreich sogar eine Wohnungsnot. Zusätzlich bewirkt die aktuelle Situation eine außerordentliche wirtschaftliche Krise in der österreichischen Bauwirtschaft, in der 305.000 Menschen (Quelle: AMS.at, Stand: 09/2023) beschäftigt sind. Das sind etwa acht Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Österreichs. Ohne politisches Gegensteuern sind somit tausende Arbeitsplätze akut in Gefahr. 

Um die Politik zum Handeln zu bewegen, haben 18 führende Unternehmen und Institutionen der Bauwirtschaft und der Baustoffindustrie die Initiative „Mehr Zuhaus‘ in Österreich!“ gegründet und einen Forderungskatalog ausgearbeitet. Die Lösungsvorschläge wurden am Mittwoch, 24.1.2024, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz präsentiert. 

„Die Politik hat seit Jahren mit zu strengen Kredit-Vergaberichtlinien, überbordender Bürokratie und völlig verfehlten Fördersystemen maßgeblich zu dieser Situation beigetragen. Das muss jetzt korrigiert werden, sonst können wir diesen Wohnungsrückstand nicht mehr aufholen. Angesichts des steigenden Bedarfs an Wohnraum müssen wir dringend vom Rückwärtsgang in den Vorwärtsgang schalten“, so Torsten Kreft, Geschäftsleiter von hagebau Österreich. 

„Dass die Bundesregierung im Herbst 2023 ein Konjunkturpaket für den Wirtschaftsstandort angekündigt hat, ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, denn es zeigt zumindest ein Problembewusstsein. Allerdings treffen diese Maßnahmen nicht den Kern des Problems, nämlich die ausbleibende Baunachfrage im Bereich des großvolumigen Wohnbaus und des privaten Neubaus. Um die Nachfrage in diesen Marktsegmenten zu stabilisieren, braucht es zielgerichtete Maßnahmen, welche direkt die Investitionsbereitschaft der Bauherren und Hausbauer stimulieren. Die Verantwortlichen in Bund und Ländern müssen jetzt entschlossen handeln, denn der Bedarf an leistbarem Wohnraum betrifft letztlich alle Menschen in Österreich und ihre Zukunft, nicht nur die Bauwirtschaft“, betont Robert Jägersberger, Bundesinnungsmeister der Bundesinnung Bau in der Wirtschaftskammer Österreich. 

Fünf Sofort-Maßnahmen zur Sicherung des Wohnraumbedarfs entwickelt 

Darum fordern die führenden Branchenvertreter:

  • Wohnbauförderung aufstocken und Zweckbindung wieder einführen. 
  • Steuerliche Maßnahmen setzen, um Investitionen zu fördern.
  • Mehr Wohnungsneubau.
  • KIM-Verordnung anpassen, Wohneigentum muss wieder leistbar sein.
  • Radikale Vereinfachung der Bauförderung und Abbau bürokratischer Hürden.  

Aus Sicht der Branchenexperten braucht es eine Aufstockung der Fördermittel im Wohnbau um 500 Millionen Euro jährlich für die nächsten Jahre, wobei diese sowohl im Bereich der klassischen Wohnbauförderungsinstrumentarien als auch im steuerlichen Bereich zum Einsatz kommen sollten. Zusätzlich soll die Zweckwidmung der Wohnbauförderung wieder eingeführt werden, wie es zuletzt auch Bundeskanzler Karl Nehammer angekündigt hatte. Seit ihrer Abschaffung 2008 können Landesregierungen dafür vorgesehene Bundeszuschüsse auch für andere Projekte oder für das Stopfen von Budgetlöchern einsetzen. 

Um den enormen Rückstau beim Wohnbau aus den letzten Jahren aufholen zu können, sind aus Sicht der Bauwirtschaft außerdem steuerliche Anreize für Investitionen von Privaten – etwa in Ein- und Mehrfamilienhäuser – als auch Entlastungen für Unternehmen und den sozialen Wohnbau sinnvoll und dringend notwendig. Gefordert wird etwa eine Mehrwertsteuer-Befreiung für den Erwerb und die Schaffung von neuem Wohnraum zur Eigennutzung, bis zu 100.000 Euro pro Wohneinheit. 

Damit neuer Wohnraum rasch geschaffen werden kann, braucht es laut den Branchenvertretern außerdem schnellere Bauverfahren und Flächenumwidmungen. Ebenso sollte die Aufstockung bestehender Gebäude erleichtert werden. Das würde auch dem Problem der Bodenversiegelung entgegenwirken. 

Johann Marchner, Geschäftsführer von Wienerberger Österreich: „Gerade lokale Nahversorger im Baubereich müssen reihenweise schließen. In den letzten Jahren hatten wir noch nie so einen dramatischen Rückgang beim Neubau von Ein- und Mehrfamilienhäusern. Besonders folgenschwer ist auch der Einbruch bei gemeinnützigen Wohnungen, die lange der Garant für leistbares Wohnen waren. 2022 hatten wir bereits niedrige 16.700 Fertigstellungen, aber schon 2025 werden es nur noch 13.000 sein, und davon ist rund ein Viertel in der Umsetzung akut gefährdet. Darum muss speziell großvolumiger, gemeinnütziger Wohnbau jetzt wieder forciert werden. Nur so kann man vermeiden, dass es in Österreich über viele Jahre zu einem Wohnungsmangel kommt und sicherstellen, dass wir Unternehmen, Fachkräfte und Qualität in der österreichischen Bauwirtschaft halten können.“ 

Damit der Wohnbau wieder forciert und leistbar wird, brauchen vor allem junge Familien einfacheren Zugang zu Wohnbauförderung und Wohnbaukrediten. Doch das Gegenteil ist zuletzt geschehen: 2022 hat die Finanzmarktaufsicht die Regeln für die Kreditvergabe weiter verschärft. Vielen Menschen wird dadurch der Zugang zu Wohnbau-Finanzierungen verwehrt. Käufer müssen nun 20 Prozent des Kaufpreises einer Wohnung oder eines Hauses als Eigenkapital nachweisen. Die monatliche Kreditrate darf 40 Prozent des Haushaltseinkommens nicht übersteigen. Laut Branchenexperten bekommen bis zu 50 Prozent der Antragsteller dadurch keine Wohnbaukredite mehr. Die Zahl der Baubewilligungen im Wohnbau ging seither dementsprechend rasant zurück. 

„Die Kreditvergabe-Richtlinien der Finanzmarktaufsicht gehen an der Einkommensrealität der österreichischen Familien und am Wohnungsmarkt vollkommen vorbei. Sie verhindern, dass neue Wohnungen gebaut und finanziert werden und treiben die Mieten nach oben. Die Eigenkapitalquote sollte daher gesenkt oder durch staatliche Fördermaßnahmen, zum Beispiel zinsfreie Kredite, gestützt werden. Die monatlich mögliche Kreditrate für Wohnraumschaffung sollte auf 60 Prozent des Haushaltseinkommens angehoben werden beziehungsweise für Besserverdienende zur Gänze entfallen. Es kann nicht sein, dass die kleinen Häuslbauer die Rechnung für Fehler in der Zins- und Förderpolitik und für Großinsolvenzen bezahlen“, so Georg Bursik, Geschäftsführer von Baumit Österreich. 

Schließlich müssen laut Branchenvertretern bei der Wohnbauförderung generell bürokratische Hürden abgebaut und zugänglichere Informationsangebote geschaffen werden. Dies ist auch für den großvolumigen und gemeinnützigen Wohnbau entscheidend, um Projekte rasch und kostengünstig umsetzen zu können. Darin liegt ein besonders wichtiger Hebel zur Stabilisierung der Mietpreise, die im letzten Jahr über sämtliche Bezirke gerechnet um durchschnittlich sechs Prozent gestiegen sind (Quelle: willhaben). 

„Mehr Zuhaus‘ in Österreich!“ startet Informationsarbeit und lädt zur Unterstützung ein 

Aus Sicht der heimischen Bauwirtschaft erfordert die alarmierende Situation jetzt einen Schulterschluss aller Beteiligten und verstärkte Aufmerksamkeit von Institutionen und Politik. Darum wird die Initiative „Mehr Zuhaus‘ in Österreich!“ in den kommenden Monaten gemeinsam Informationsveranstaltungen durchführen und direkt auf die Politik zugehen, um eine rasche Umsetzung der präsentierten Vorschläge und Maßnahmen sowie verstärktes Problembewusstsein auf Bundes- und Landesebene zu erreichen. 

Torsten Kreft, hagebau, betonte abschließend: „Dass sich in kürzester Zeit erstmals 18 Unternehmen und Institutionen zusammengeschlossen haben, die teilweise sogar wirtschaftlich im Wettbewerb zueinander stehen, zeigt den Ernst der Lage und die Notwendigkeit raschen politischen Handelns. Der heutige Start unserer Initiative ist auch eine Einladung an alle weiteren Akteure der Bauwirtschaft und Baustoffindustrie, sich uns ebenfalls anzuschließen und gemeinsam gegen die drohende Wohnungsnot vorzugehen.“ 

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