Positionen & Meinungen Freilegen

Ein Kommentar von Hans Jörg Ulreich, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Ulreich Bauträger GmbH, Bauträgersprecher Österreich, Lektor an der TU Wien und FH Wien

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Erstmals in der Geschichte fand diese Woche eine gemeinsame Pressekonferenz der Planer und der Immobilienwirtschaft anlässlich der Novelle zur Wiener Bauordnung statt. Was auf den ersten Blick erbaulich und konstruktiv klingt, hat in Wahrheit einen recht ernüchternden Hintergrund. In Wien geht nämlich innerstädtisch im freifinanzierten, privaten Wohnbau so gut wie gar nichts mehr. Und davon können nun alle gemeinsam ein Lied singen bzw. vor der Presse berichten. Wir stehen quasi gemeinsam vor einer dicken, fetten politischen Mauer. Unendliche Verfahrensdauern, schier unmögliche Auflagen, Restriktionen wohin man schaut und Verwaltungsentscheidungen, die einem nicht nur das Haus, sondern auch den Mund offenstehen lassen.

Aktueller Irrsinn

Seitenweise könnte ich über den aktuellen Irrsinn schreiben, tonnenweise Expertenpapiere liegen vor, vollgeschrieben mit Lösungen, die unsere Bundeshauptstadt zukunftsfit machen.

Jeder Bereich unserer Branche klagt über dieselben Probleme, alle gemeinsam fordern sie dringlichst Veränderung und das jetzt. Die Zeiten, in welchen man sich über ein, zwei kleinste Schritte in die richtige Richtung bei BO-Novellen gefreut hatte, sind ein für alle Mal vorbei. Die Realität hat uns eines Besseren gelehrt, denn selbst dort, wo einen Kleinstspalt an Öffnung der rechtlichen Restriktionen in Sicht war, wurde dieser in der Praxis durch Verwaltungsmühlen sofort wieder doppelt verriegelt.

Damit wir diese Mauer an politischem Unwillen zum Einsturz bringen können, müssen wir – so denke ich – erst einmal verstehen, warum die Politik sich derart konsequent weigert, auf unsere Forderungen und Vorschläge einzugehen. Die Ziele, so scheint es, sind zumindest was die Worte betrifft, dieselben: wir wollen gemeinsam ein klimafittes Wien mit genügend Wohnraum ohne Gas und mit begrünten Fassaden und Freiflächen. Wir wollen einen ressourcenschonenden Umgang von Grund und Boden, was in der Praxis Innen- vor Außenentwicklung bedeutet, intelligente Begrünungsoffensiven inklusive.

Doch innerstädtisch wird derzeit freifinanzierten, privaten Bauprojekten der Behördenriegel vorgeschoben, während mit für die Stadt ungewohnter Brutalität und Schnelligkeit im grünen Wiener Umland umgewidmet und gemeinnützig gebaut wird, was das Zeug hält.

Widmungswahnsinn

Wertvolles Grünland in Bauland umzuwidmen und zu verbauen entgegen tausender Proteststimmen von Umweltschützern und Anrainern ist nur möglich, wenn allgemeine öffentliche Interessen überwiegen. Tritt die EU-Bodenschutzstrategie in den kommenden Jahrzehnten in Kraft und müssen diese verbauten Grünflächen auch noch mit entsiegelten Flächen ausgeglichen werden, wird es noch schwieriger, noch irgendeine Neustadt auf Bauerwartungsland zu stellen. Dieses Zeitfenster wird sich schneller als gewünscht schließen. Das von der Stadt und vom Wohnfonds über Jahrzehnte gehortete Bauerwartungsland könnte bald mit einem Schlag zu geschütztem Boden und Grünland, also in unserer Sprache zu einer totalen Fehlspekulation werden.

Um jetzt rasch noch gemeinnützige Bauprojekte auf dieses Grünland setzen zu dürfen, braucht es natürlich ein zugkräftiges Argument: dringenden Wohnraumbedarf. Schlagzeilen der letzten Jahre über ein Überangebot an Wohnungen in Wien, welches sich auch noch preisdämpfend auf den Markt auswirkt, sind dabei wenig hilfreich.

Studien der AK, die belegen, dass innerstädtisch auch mindestens 130.000 Sozialwohnungen auf Bestand Platz haben, sind ebenso wenig förderlich.

Ich glaube, die Stadt Wien kämpft derzeit um jeden Quadratmeter Bebauung ihrer spekulativen Baugründe, bevor dies aus klimaschutzrechtlichen EU Vorgaben nicht mehr möglich ist. Die noch schlimmere Alternative dazu wäre, dass man einfach selbst mit der Materie überfordert ist, ähnlich wie beispielsweise im Ressort der Magistratsabteilung 35. Beide Varianten sind ehrlich gesagt Furcht einflößend. Dass privater Wohnbau innerstädtisch unter die Räder kommt, stört dabei wenig. Unter anderen auch deswegen, weil, so denke ich, die Mehrheit meint, dass es, wie man umgangssprachlich gerne sagt, „eh keine Armen“ trifft.

Frei nach dem Motto, die reichen Immohaie halten das schon aus, wenn sie nicht jetzt, sondern erst in ein paar Jahren wieder bauen dürfen.

Das ist natürlich kompletter Humbug. Denn mit dieser Strategie verlieren alle, am allermeisten vor allem die Bundeshauptstadt mit ihren Bewohnern. Vom Verbrauch mittlerweile enorm wertvoller Böden bis hin zu einem enormen Verlust an möglichen Wohnungen in allen Preisklassen in der Stadt, den Verlust von Arbeitsplätzen in der Branche aufgrund der nicht umgesetzten Projekte und vielem mehr.

Wir sind als Branche auch selbst schuld an dieser Misere. Viel zu lange haben wir es verabsäumt, unseren wichtigen Beitrag zur Lebensqualität, zum Wirtschaftsstandort, als Arbeitgeber, als Lebensraumerhalter und vielem mehr in der breiten öffentlichen Wahrnehmung zu verankern und unser Image, das um so vieles schlechter ist als all das, was wir wirklich tun und sind, zu implementieren.

Dass beispielsweise der sanierte Altbau und nicht der Seestadtgenossenschaftsbunker die beliebteste und begehrteste Wohnform der Wienerinnen und Wiener ist, scheinen manchmal sogar wir selbst durch die gekonnte PR-Maschinerie zu vergessen.

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von Wolfgang Fessl 5 Minuten Lesezeit