Wirtschaft Inflation bleibt hoch, Wohnkosten werden immer mehr zum Preistreiber

Inflationstrend geht insgesamt zwar nach unten, hohe Kerninflation dürfte aber längerfristig wirken - Kritik an Regierungsmaßnahmen von Opposition, AK und ÖGB

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Inflation bleibt hoch, Wohnkosten werden immer mehr zum Preistreiber

Die Inflation in Österreich ist 2023 auf hohem Niveau geblieben und deutlich höher als im Euroraum. Der Preisanstieg lag mit 7,8 Prozent etwas niedriger als im Jahr davor, als er noch 8,6 Prozent betragen hatte. "Die Teuerung findet jedoch breiter statt, sie macht sich über die gesamte Bandbreite des Warenkorbs bemerkbar", sagte Ingolf Böttcher, Chef-Volkswirt der Statistik Austria, am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Die Wohnkosten wirkten 2023 besonders preistreibend.

Die Inflation betrug 2023 in fast allen Ausgabengruppen über 7 Prozent, in den drei einflussreichsten Gruppen "Wohnen, Wasser, Energie", "Restaurants und Hotels" und "Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke" lag der Preisauftrieb bei über 11 Prozent. Der Verkehr, der 2022 noch zu den Hauptpreistreibern gezählt hatte, wirkte sich 2023 weniger aus, hier betrug der Preisanstieg nur noch 1,7 Prozent. Auch die Preise für Haushaltsenergie sind 2023 deutlich weniger stark gestiegen als 2022.

"Die Inflation weitet sich also in die verschiedenen Ausgabengruppen aus", sagte Böttcher, der die Direktion Volkswirtschaft der Statistik Austria leitet. Die Struktur der Teuerung habe sich im Vergleich zu 2022 verändert: Die Kerninflation, in der die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise nicht enthalten sind, mache einen immer höheren Anteil an der Inflationsrate aus. 2023 wurden mehr als drei Viertel der Inflationsrate von diesen nicht volatilen Bestandteilen beeinflusst, die Auswirkung der Energie- und Lebensmittelpreise auf die Inflation ist 2023 also zurückgegangen.

Die Kerninflation lag auch im Dezember noch bei über 4 Prozent, und damit deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB). Trotz des insgesamt abnehmenden Trends werde die Kerninflation "uns noch einen gewissen Zeitraum beschäftigen", sagte Böttcher.

Der Preisauftrieb war hierzulande 2023 weiterhin deutlich ausgeprägter als in anderen Euroländern: Der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), der Vergleiche im Euroraum ermöglicht, erreichte in Österreich 7,7 Prozent, der Euro-Schnitt lag hingegen bei 5,4 Prozent. "Es gab demnach nur wenige Länder, die eine höhere Inflationsrate im Jahr 2023 aufwiesen", sagte Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas und verwies auf Kroatien, die baltischen Länder und die Slowakei. Deutlich niedriger war die Teuerung etwa in Spanien, mit 3,4 Prozent, Luxemburg mit 2,9 Prozent und Belgien mit 2,3 Prozent.

Der größte Einflussfaktor für den Inflationsabstand zu den Ländern mit niedrigeren Inflationsraten war laut Statistik Austria vor allem die Ausgabengruppe Wohnen. Darin enthalten sind Ausgaben für Haushaltsenergie, Miete, Betriebskosten und Instandhaltung. Gas und Fernwärme waren in Österreich 2023 teurer als in anderen Euroländern, auch Mieten, Betriebs- und Instandhaltungskosten sind hierzulande überdurchschnittlich gestiegen. Ebenfalls ausschlaggebend für den Inflationsabstand zum Euroraum war die Ausgabengruppe Gastronomie und Hotels, die in Österreich einen besonders hohen Inflationsbeitrag hat, etwa wegen des großen Tourismussektors und weil die Österreicherinnen und Österreicher häufiger auswärts essen als es in anderen Ländern üblich ist.

Während 2022 noch vor allem steigende Energiepreise für die Teuerung verantwortlich waren, wiesen 2023 besonders Dienstleistungen hohe Preissteigerungen auf. "Die Dienstleistungen ziehen deutlich an", sagte Böttcher. So verteuerte sich etwa Bewirtung um 12,0 Prozent, Pauschalreisen wurden um 10,0 Prozent teurer.

Der Mikrowarenkorb, der den täglichen Bedarf darstellt und vor allem Nahrungsmittel, aber auch Tageszeitungen und den Kaffee im Kaffeehaus beinhaltet, hat sich 2023 überdurchschnittlich verteuert, die Inflation betrug hier 11,1 Prozent.

"Der Weg weist nach unten", betonte Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) nach dem Ministerrat am Mittwoch und wies auf Maßnahmen der Regierung wie die Stromkostenbremse hin. Jene Maßnahmen der Regierung haben laut Statistik Austria 2023 mit 0,63 Prozent dämpfend auf die Inflation gewirkt. Neben der Stromkostenbremse zählt dazu etwa auch die Einführung des Klimatickets. Die Regierung habe sich im Vergleich zu anderen Ländern im Euroraum allerdings mit Eingriffen in die Marktpreise zurückgehalten, sagte Böttcher.

Das Vorgehen der türkis-grünen Bundesregierung im Kampf gegen die Inflation sorgte am Mittwoch abermals für Kritik, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die SPÖ führt die hohe Teuerung auf die fehlenden inflationsdämpfenden Maßnahmen der Regierung zurück. "Jeder weitere Monat ohne Preissenkungen ist eine Gefahr für Land, Leute und Wirtschaft", sagte SPÖ-Klubobmann Philip Kucher laut einer Aussendung. Auch die Arbeiterkammer (AK) und die Gewerkschaft (ÖGB) fordern in ihren Aussendungen weitere preissenkende Eingriffe, etwa bei den Mieten und Wärmekosten.

Für FPÖ-Chef Herbert Kickl ist der Inflationsabstand zu anderen Euroländern "der in Zahlen gegossene Beweis dafür, dass diese extreme Kostenlawine durch eine völlig falsche Regierungspolitik hausgemacht" ist. Auch aus Sicht des Neos-Wirtschafts- und Sozialsprechers Gerald Loacker ist "die verfehlte Politik von ÖVP und Grünen" schuld an der im Euro-Vergleich deutlich höheren Inflation hierzulande. Die Maßnahmen der Regierung seien "nicht treffsicher" und würden langfristig niemanden entlasten. Der Leiter des wirtschaftsliberalen Thinktank Agenda Austria, Franz Schellhorn, schlug in eine ähnliche Kerbe. Er kritisierte die "kontraproduktive Umverteilungspolitik der heimischen Regierung" und die "verfehlte Gratisgeldpolitik der EZB". (apa)

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