Positionen & Meinungen Mut zur Auszeit

Anna-Vera Deinhammer war sechs Jahre als Circular City Director bei der Stadt Wien tätig. Jetzt hat sie ihren Job zurückgelegt und beschlossen, sich Zeit für sich zu nehmen.

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Mut zur Auszeit

Warum hast du dich entschieden, deinen Top-Job bei der Stadt Wien zurückzulegen?

Weil ich erkannte, dass ich meinen persönlichen Auftrag erfüllt habe. Es waren sechs äußerst fordernde, aber produktive Jahre! Es gelang, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen in den wichtigsten Strategien der Stadt Wien zu verankern. Was dazu führte, dass ich die Stadt als aktiven Player auf dem Gebiet des zirkulären Bauens sowohl in Österreich als auch EU-weit etablieren konnte. Besonderes Gewicht gab ich dem Aufbau eines magistratsweiten, interdisziplinären Kompetenznetzwerks für Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen, wofür ich im Jahr 2020 der gestaltenden Think Tank „DoTank Circular City Wien 2020-2030“ gründete. Im letzten Schritt wurde 2021 dieser angestoßene Paradigmenwechsel mittels Stabsstelle in der Stadtbaudirektion Wien institutionalisiert.

Nun gilt es, das mit meinen unzähligen Mitstreitern aufgebaute Bewusstsein für integrale Nachhaltigkeit zu nutzen. Ich möchte aktiv dazu beitragen, dass man keine Wirtschaftsprogramme für die Finanzierung von Nachhaltigkeit im Bauwesen mehr entwerfen muss, sondern dass Nachhaltigkeit per se das Wirtschaftsprogramm ist! Dafür muss ich wieder in die Privatwirtschaft wechseln.

Für eine Auszeit braucht es ganz schön viel Mut. Was hat dich beflügelt?

Wahrscheinlich meine Persönlichkeit. Ich gehe gerne voran, auch wenn ich mich nicht als Draufgängerin bezeichnen würde. Dafür bin ich zu analytisch und überlegt.

Zusätzlich mein bisheriger Lebensweg. Als Integralingenieurin weiß ich wie wichtig Mehrperspektivenbetrachtung ist. Der Wechsel „zwischen den Systemen“ – Privatwirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung – und das damit in Verbindung stehende Vergrößern der eigenen Komfortzone entfesselt die individuelle Innovationskraft. Das schafft Vertrauen in die eigene Gestaltungkraft und erlaubt mutige, aber wohlkalkulierte Entscheidungen. Das Buch „Skin in the Game“ von Nassim Taleb hat mich diesbezüglich inspiriert.

Strukturierst du derzeit deine Tage, oder lebst du einfach in den Tag hinein?

Ich strukturiere! Zwei Wochen lang gönnte ich mir Müßiggang in Südfrankreich. Nun sind die frühen Morgenstunden dem Kraftsport und danach ausgedehnten Wald-Streifzügen gewidmet. Dabei höre ich die Selbstbetrachtungen von Marc Aurel. Das klärt den Geist und hilft beim präzisen Denken.

Den Nachmittag verbringe ich mit Recherchen für das Buchkapitel, das ich als Co-Autorin für die Cambridge University Press schreiben darf oder anderen Aktivitäten für meine fachliche Weiterentwicklung. Selbstverständlich gehören Netzwerkpflege und Austausch auch zu meinen Beschäftigungen. Endlich kann ich mit all den spannenden Zeitgenossen den so oft verschobenen Kaffee trinken!

Wie geht es im Herbst dann weiter?

Das kommt darauf an, wie sich der Sommer für mich entwickelt. Nach dieser Phase der „intensiven Ruhe“ werde ich auf einen prall gefüllten Vorrat an Inspiration für zukünftige Aufgaben zugreifen. Ich habe jedenfalls vor, bis zum Herbst stufenweise wieder zurück ins Erwerbsleben zu gleiten. Aktuell boarde ich als designierter Circular City Director beim Circular Economy Forum Austria an.

Welche Kompetenzen möchtest du im neuen Job einbringen?

Meine Profession ist das Bauwesen, die Baukultur. Mit meinem technischen Hintergrund als Architektin und Integralingenieurwissenschafterin, lernte ich viel auf den Gebieten des Ausgleichs und Verhandlung. Ich erlernte die Kunst des Lobbyierens und Netzwerkens auf europäischer, bundes- als auch kommunaler Ebene – sowohl in den Sektoren der Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft.

Meine Kenntnis darüber, unter welchen Rahmenbedingungen das Planen, Bauen und Betreiben der Zukunft gestaltet werden muss soll strategisch-operativ sowohl inter- als auch national eingesetzt werden. Ich möchte kollaborativ neue Geschäftsmodelle, Strategien und Roadmaps für unsere nachhaltig gebaute Umwelt entwickeln. Was nützt uns das angesammelte Wissen, wenn wir es nicht in die Welt bringen? Jede Strategie hat nur so viel Wert, wie unser Vermögen diese auf den Boden zu bringen.

Von einer Auszeit träumen viele, was würdest du ihnen raten?

Auf den inneren Kompass hören, sich mit Vertrauten austauschen. Man muss nicht gleich den Film Eat – Pray – Love nachspielen. Ein Weggefährte erinnerte mich an das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Er riet mir, den eigenen Status Quo zu betrachten und ergebnisoffen einzuordnen. Sich einfach auf den inneren Prozess einlassen und sich mit vollem Herzen auf die eigene, individuelle Reise hin zur nächsten Persönlichkeitsstufe begeben:

Was steckt hinter meinem Wunsch? Wo möchte ich danach anknüpfen? Womit möchte ich meine Lebenszeit füllen – schließlich ist dies die endlichste Ressource, die wir haben!

[…] Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. […]

(Stufen von Hermann Hesse, in: das Glasperlenspiel, 1943)

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