Positionen & Meinungen ESG Hebel, um den EU-Green-Deal umzusetzen

Michael Haugeneder, Geschäftsleiter von ATP sustain im Interview über die weitreichenden Konsequenzen der Taxonomie-Verordnung, den neu ins Leben gerufenen „ATP-Green-Deal“ sowie darüber, was die circular economy mit Lego und dem TÜV zu tun hat.

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Hebel, um den EU-Green-Deal umzusetzen

Die Planungs- und Baubranche steht vor einem Umbruch. Die mit der Taxonomie-Verordnung der EU eingeläutete „Ökologisierung der Kapitalflüsse“ führt dazu, dass Nachhaltigkeit von einer wohlwollenden Option zu einem erforderlichen Muss wird. Mit dem straffen Zeitplan mithalten können dabei nur diejenigen, die heute schon Weitblick an den Tag legen. Dies gilt für AuftraggeberInnen genauso wie für PlanerInnen. Michael Haugeneder ist seit mehr als zehn Jahren in der Geschäftsleitung von ATP sustain – der Forschungs- und Sonderplanungsgesellschaft für nachhaltiges Bauen in der ATP-Gruppe. 

Herr Haugeneder, bei der Taxonomie-Verordnung geht es darum, die Kapitalflüsse nachhaltiger zu gestalten. Wie genau soll dies erreicht werden?

Die Taxonomie-Verordnung ist im Prinzip der technische Rahmen für die Umsetzung des EU-Green-Deals. Sie beschreibt – zum ersten Mal! –, dass nichtfinanzielle Qualitäten offengelegt werden müssen, und zwar in jeder Branche. Bis jetzt gibt es nur eine Offenlegungspflicht über finanzielle Auswirkungen: Alle, die im Kapitalmarkt unterwegs sind (Banken, Versicherungen, etc.), müssen darstellen, wie sich das Finanzielle gestaltet, welche Risiken und Sicherheiten sich daraus ergeben. Das Großartige an der Taxonomie-Verordnung ist, dass die Kapitalwirtschaft der größte Hebel unseres Wirtschaftssystems ist und daher auch der stärkste, um den EU-Green-Deal tatsächlich umzusetzen. Die Offenlegungspflicht nichtfinanzieller Qualitäten – also ökologische und nachhaltige – führt dazu, dass man sich nun intensiver damit auseinandersetzt. Immer wenn Dinge offengelegt und plötzlich messbar gemacht werden, ergeben sich neue Handlungsfelder und -ziele.

Das heißt, die Auftraggeber setzen sich intensiver mit den nichtfinanziellen Qualitäten einer Immobilie auseinander?

Nein, eigentlich ist es andersherum: Die Banken setzen sich damit auseinander. Die Verordnung gilt nämlich nicht für die AuftraggeberInnen, und das ist auch das Besondere daran. Die finanzierende Seite wird in Kürze bei den AG über die „klassischen“ Informationen hinaus die Taxonomie-Themenfelder abfragen. Sie will schließlich wissen, was sie finanziert und welches Risiko mit dem Bauvorhaben verbunden ist. Unterschreiten AuftraggeberInnen bestimmte Benchmarks, werden die Banken einen „besseren“ Kredit zu Verfügung stellen. Und damit beginnen dann freilich auch für die AuftraggeberInnen die Kalkulationen: Welche Maßnahmen setze ich, um das Risiko zu minimieren und so ein besseres Gebäude zu errichten? Nehme ich dafür einen höheren Kredit, wenn es mir über die Laufzeit (von z. B. 20 Jahren) mehr bringt? Derzeit erfolgen diese Berechnungen nur kryptisch und immer auf das Bauvorhaben bezogen, wenn es etwa um den Einbau einer Wärmepumpe oder einer PV-Anlage geht. Mit der Taxonomie-Verordnung gehen wir einen Schritt weiter: Wir betrachten die Kapitalflüsse als Ganzes und schieben die Thematik zu den Kreditgebern.

Was haben die Geldgeber davon, sich mit ökologischen und nachhaltigen Qualitäten auseinanderzusetzen?

Dahinter stehen zwei Sichtweisen. Zum einen müssen die Banken schauen, intern das Risiko zu minimieren, auf braunen Immobilien – stranded assets – sitzenzubleiben. Fallen KreditnehmerInnen aus, müssen die Banken die Immobilien nämlich am Markt veräußern und wenn diese niemand oder nur mit einem enormen Abschlag kaufen will, ist das ein Problem. Zum anderen müssen sich die Banken nach außen gut darstellen und mit grünen Investitionen AnlegerInnen halten bzw. anlocken.

Welche Rolle spielt ATP sustain in diesem Spannungsfeld?

Wir sind mittendrin! Denn wir bereiten die technischen Daten auf und entwickeln in frühen Phasen die notwendigen Lösungen. Die AuftraggeberInnen werden aufgrund der neuen Verordnung zu uns kommen, weil sie wissen müssen, wie sie ihre Immobilie dorthin bringen, wo sie hinsoll. Aktuell ist eine Unterschreitung von 10 % des Primärenergiebedarfs gefordert. Der „Schmerz“, dies einzuhalten, ist für die meisten AG nicht groß; in Deutschland etwa wird dies sogar über Förderungen abgedeckt. Wir wissen aber bereits jetzt, dass es ein mehrjähriges Nachbessern dieser Benchmarks seitens der EU geben wird – wie es etwa auch beim stufenweisen Ausstieg der EU aus den künstlichen Kältemitteln der Fall war. 2025 werden wir möglicherweise bei 30 % Unterschreitung liegen und 2030 müssen wir sowieso schon nachweisen, dass wir massive Einsparungen haben, weil der Staat sonst Milliarden zahlt. So werden wir auch in der Baugesetzgebung massive Vorgaben bekommen, was die Taxonomie-Verordnung noch stärker spürbar macht…

Was bedeutet das für die Planer?

Das bedeutet: Wenn wir heute ein Haus planen, das 2022 oder auch 2025 eröffnet wird, wo die Richtlinien schon angezogen haben, ist bereits auf der Eröffnungsfeier jeder/jedem bewusst: Eigentlich haben wir jetzt schon eine braune Immobilie. Auch wenn diese zum Zeitpunkt der Planung noch grün war! Daher müssen wir den AuftraggeberInnen richtigerweise heute empfehlen, klimaneutral zu bauen; heute schon ein bisschen mehr zu tun, als aktuell gefordert ist. Das ist unsere große Herausforderung! Und das ist der Grund, warum wir bei ATP architekten ingenieure den ATP-Green-Deal ins Leben gerufen haben. Das oberste Ziel ist demnach, klimaneutral zu bauen. Unsere AG müssen wir dahingehend beraten, denn sonst kommen sie in ein extremes Risiko. Und auch für uns als Unternehmen ist das ein wichtiger Punkt in der Reputation. Wir sollten unsere Projekte so darstellen, dass wir sagen können: Wir sind zumindest auf einem guten Weg.

Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft im Ganzen?

Die circular economy ist meiner Meinung nach ein sehr spannender Taxonomie-Punkt! Sie besagt, dass eine Immobilie 2030 dann ein Green Building ist, wenn 70 % im Gewicht rezyklierbar oder wiederverwertbar sind. Wenn ich mit der Masse rechne, bedeutet dies de facto, dass nur die Malerfarbe und der Teppich übrigbleiben, die ich nicht nachweisen muss (lacht). Was mir am Konzept gefällt, ist, dass es uns das erste Mal bewusst macht, dass wir in Europa eigentlich gar keine Ressourcen haben. Alles, was wir hier verbauen, beziehen wir durch Zulieferungen anderer Länder. Die circular economy hingegen bedeutet einen Wechsel in der Kreislaufwirtschaft: Es geht darum, Ressourcen nicht mehr verbrauchen, sondern ständig im Kreislauf zu halten.

Wie können Ressourcen im Kreislauf gehalten werden?

Das geht in unterschiedlichen Schritten: Ich kann das Rohmaterial – also z. B. einen Stahlträger – in den Kreislauf schicken oder ich kann das ganze Bauteil – etwa ein Fassadenelement – bei einem Gebäude aus- und beim nächsten wieder einbauen. Es wird sich hier, denke ich, ein Second-Hand-Markt am Bau etablieren. ATP hat das bei der Großküche magdas in Wien ausprobiert: Wir verwendeten Türen aus einem alten Gebäude für eine Zwischenwand, eine alte Zwischendecke als Schallabsorber und wir bauten eine Stahltreppe von einem Abbruchgebäude aus und – da sie von der Lauflänge passte – wieder ein. Das hat gut funktioniert. 

Inwiefern ist Wiederverwerten („Reuse“) besser als Rezyklieren („Recycle“)?

Wenn wir nur versuchen, zu rezyklieren – also Dinge irgendwo abbauen, sie schreddern und dann etwas Neues zusammenbauen – ist der Energie- und Arbeitsaufwand viel zu hoch! Wir müssen daher in Richtung Klemmbausteine, wie z. B. Lego, gehen: Zerlegen und wieder zusammenbauen. Die meisten Baustoffe, die wir einbauen, halten viel länger als 20, 30 Jahre. Sie halten 50 Jahre und mehr. Dort ist meiner Meinung nach ein großer Hebel und wenn wir es schaffen, einen Markt hierfür zu etablieren, ist ein wesentlicher Schritt in Richtung circular economy geschafft. Die Schwierigkeit aber ist: Ich weiß normalerweise bei der Planung nicht, wo ich die Dinge beim Bau in drei Jahren herbekomme.

Welche Möglichkeiten braucht es, damit das Reuse in der Planung zu einer echten Alternative wird?

Wir müssen einen Markt schaffen, wo sich KäuferInnen und VerkäuferInnen treffen. Eine Datenbank, in die Bauprodukte genauso wie Suchanfragen hineingegeben werden, wo ich etwa 40 Stahlträger mit der gewünschten Dimension für 2024 reservieren kann. Wir haben diese Informationsplattformen aber noch nicht vollumfänglich und viele haben mit gebrauchten Bauteilen zudem ein Rechtsproblem. So gibt es vielleicht kein Prüfzertifikat für einen alten I-Träger oder dieser entspricht durch Verunreinigung nicht mehr den Berechnungen. Da muss sich auch am Prüfsektor etwas tun, ich sage jetzt mal: ein „TÜV“ für einen gebrauchten Stahlträger. Man muss hier eine Sicherheit erlangen können, wie in der Automobilindustrie: Weil nur der Kilometerstand allein wenig über den Zustand eines Autos aussagt, entwickelte man eine Prüfnorm und es tat sich ein Gebrauchtwagenmarkt mit KFZ-Meisterbetrieben auf.

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